Der Countdown läuft – „Vakuum“ steht vor der Tür

Auf dem Wasser schwammen Wasserlinsen wie dünne, grüne Tücher. Wo keine Linsen waren, war das Wasser dunkel und still. Man konnte nicht auf den Grund sehen. Eine Libelle mit blaugeäderten durchsichtigen Flügeln blieb wenige Zentimeter vor Alissas Gesicht reglos in der Luft stehen.

Alissa atmete nicht. Dann flog die Libelle weiter, und sie holte wieder Luft und stellte sich vor, jemand anderes zu sein, nicht mehr sie. Der Gedanke machte sie so leicht. Leicht wie Glück. Plötzlich kreischte es über ihnen, ein Möwenschrei, und der Schatten eines Mädchengesichts strich über den Sand, fiel ins Wasser und ging nicht unter. Alissas Lächeln erstarb.

Mücken summten in Wolken um sie herum, stachen aber nicht. Nur die Weibchen stachen. Sie brauchten ein bestimmtes Enzym aus dem Blut für ihre Eier, hatte Alissa einmal gelesen. Seit sie das wusste, fiel es ihr schwer, eine Mücke einfach zu erschlagen. Sie stach schließlich nicht aus Blutgier, sondern weil sie schwanger war.

Im Gebüsch tschilpte ein Zilpzalp. Sie sah ihn nicht, doch sein Gesang war alles andere als unscheinbar. Eigentlich war es kein richtiger Gesang, sondern ein einziger langgezogener, schriller Ton, den der Vogel in kurzen Abständen unterbrach, um dann wieder anzusetzen. Die Vögel in der Stadt waren viel leiser. Als würden sie nicht auffallen wollen. Dabei stimmte das gar nicht, wusste sie. Sie waren genauso laut, nur wurden sie überdeckt von anderen Geräuschen, Stadtgeräuschen.

Es waren nur fünf Minuten mit dem Moped von hier bis zum Menschengewühle. Nur fünf lausige Minuten! Und hier auf der Insel war nichts davon zu hören. Hier schrien die Zilpzalps so laut, dass man sie auch als Alarmanlage einsetzen könnte, und in den winzigen Pausen, die sie brauchten, um Luft zu holen, hörte man das leise Gluckern im Wasser, wenn ein Karpfen von ganz unten an die Oberfläche kam und mit einer schnellen Wendung wieder abtauchte.

„Hier sollten wir heute Abend sitzen!“, sagte Samira. „Der Platz ist einfach perfekt. Wir können zusehen, wie die Sonne untergeht. – Hat jemand Musik dabei?“

„Ich hab meine Mundharmonika mit“, sagte Göran.

„Ich meinte Musik, Süßer, nicht Ruhestörung“, sagte Samira, kniff Göran in den Hintern und lachte.

„Vielleicht können wir ja ein Lagerfeuer machen, ganz ohne Musik“, schlug Alissa vor.

„Ich sammle schon mal Holz!“, rief Leon sofort.

„Ich hab jetzt tierischen Knast“, sagte Göran zu Samira. „Kochst du was Leckeres?“

„Iss Äpfel“, sagte Samira nur, streckte sich auf dem weißgespülten Stamm aus, und das T-Shirt rutschte dabei ein Stück hoch und gab ein paar dunkelbraune Zentimeter Haut und ihren Bauchnabel frei. „Die ganze Wiese liegt voll davon.“

„Ihr seid so grausam, meine Königin“, sagte Göran und beugte sich vor, um Samiras Bauchnabel zu küssen.

Samira stieß ihn weg. „Keine Unzucht vor dem Kinde, Mylord“, sagte sie.

„Meint ihr mich? Ihr meint doch nicht mich, oder?“, fragte Leon empört. Er schob seinen Hut höher. „Ich bin zwölf, keine fünf. Das mit den Bienen und den Blumen hab ich schon mal gehört.“

„Na dann“, sagte Göran und beugte sich wieder über Samiras Bauch, die laut losprustete.

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