Aus der Schreibwerkstatt mit Tania Witte – Teil 1

Ich frage mich, was ich hier tue und was die menschliche Existenz zu bedeuten hat. Doch warum frage ich mich das? Ist es Sartre oder Camus – zu viele französische Philosophen – ich muss mehr davon leben. Leben oder nur lesen? Das muss ich entscheiden, denn mir ist die Freiheit gegeben! Doch will ich mich entscheiden? Will ich mich begrenzen?

„Nein“, ruft da eine Stimme aus meinem Kopf. Was, eine Stimme in meinem Kopf?! „Ich bin es – dein philosophisches Gewissen, dein denkerisches Ich“, ruft die Stimme – sie hat einen französischen Akzent. Ich bin verwundert…bin ich etwa schon so weit, dass Sartre mir erscheint oder gar Camus? Was ist mit mir los?, frage ich mich. „Nichts“, sagt die Stimme in meinem Kopf. Doch ich weiß, etwas ist faul…aber was? Wer bist du?, frage ich. „Ich bin es“ sagt die Stimme. „Du musst aufstehen“, ruft sie, „nutze deine Freiheit, habe keine Angst vor ihr. Ich bin es…“

In dem Moment öffne ich meine Augen. Ich liege auf einer Liege und blicke einem Mann ins Gesicht. Irgendwie erinnert er mich an Sigmund Freud – oder doch eher C.G. Jung? Was ist hier los? – beginne ich zu stammeln. „Es ist alles gut – wir haben sie nur hypnotisiert“, antwortet der Mann. Jetzt dämmert es mir…ich bin bei meinem Psychologen – aber warum und wozu habe ich überhaupt einen Psychologen?

Ich stehe auf, verlasse die Praxis und gehe die Straße entlang. Immer wieder höre ich die Stimme: „Nutze deine Freiheit – habe keine Angst vor ihr.“

Weniger lesen – mehr leben, denke ich nur.

Neo

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Lost and Found in Tbilissi – Rike Reiniger auf Lesereise durch Georgien

Rike Reiniger 2-minDie Anfrage des Goethe-Instituts Georgien flatterte überraschend und kurzfristig ins Postfach: Ob ich zum Tag des Buches für eine Lesung nach Tbilissi kommen könnte? Ein Blick in den Kalender und: Super! Ich komme! Dann noch ein Blick auf das Kleingedruckte der Einladung: eine Lesung für 6-12jährige Kinder mit Sprachkenntnissen auf dem Niveau von A1-A2. Oh je. Eine solche Altersspanne? Welches Buch kann das leisten? Und was ist nochmal A1-A2?

Moment … mein erstes Theaterstück! Ich hatte als Dramaturgin für den Spielplan der Landesbühnen Sachsen ein zweisprachiges Kinderstück gesucht, nicht gefunden und schließlich selbst geschrieben: „Lost and Found: Ein Herz und andere Dinge“.

August muss aufräumen. Das Chaos in seinen Einzelteilen vom Schraubenzieher bis Zahnbürste ist allerdings unmöglich zu bewältigen. Da schneit Judy herein, die nicht nur mit ihrem organisatorischen Furor nervt, sondern auch mit ihrer weitestgehend unverständlichen Sprache. Sie baut ein Fundbüro für die herumliegende Unordnung auf. Dabei kommt es zu tragischen Missverständnissen, im Verlaufe derer August sich in eine Prinzessin verwandelt und Judy ihr Herz verliert. Doch auch wenn im Fundbüro kein Herz abgegeben wurde, schafft es August die Katastrophe abzuwenden. Er legt Judy sein Herz zu Füßen! Und plötzlich spielt die fremde Sprache überhaupt keine Rolle mehr!

Der Text ist geschrieben für ein Publikum mit einer Sprache, die alle verstehen und einer Rike Reiniger 1-minSprache, die entweder einige auch sprechen oder die alle lernen. August spricht die Sprache des Kinderpublikums, Judy die neue Sprache. Durch das Spiel mit den Gegenständen, durch Wiederholungen in beiden Sprachen und durch einfache Sätze, die August im Verlaufe des Spiels lernt, ist das clowneske Theaterstück für jedes Sprachniveau verständlich. Es wird sowohl in der deutsch-englischen Originalfassung inszeniert als auch an Theatern, die für sprachliche Minderheiten spielen, z.B. in Deutsch-Sorbisch, Ungarisch-Deutsch, Italienisch-Deutsch, Deutsch-Ladinisch. (Nebenbei: Es gibt eine deutsch-türkische Übersetzung. Aber bisher hat kein Theater Interesse entwickelt, ein Stück zu inszenieren, in dem Kinder spielerisch ein paar Wörter der zweitgrößten Sprache Deutschlands aufschnappen könnten.)

Glücklicherweise hat das Goethe-Institut die Überschrift „Tag des Buches“ nicht wörtlich genommen und hielt ein Theaterstück als literarischen Beitrag für genauso passend wie ein Buch. Die eine Hälfte des Stücks mit der August-Figur wurde ins Georgische übersetzt und es fand sich ein junger Schauspieler, der sich bereit erklärte mit mir zusammen nach nur einer Verständigungsprobe diese szenische Lesung zu präsentieren.

Tbilissi im Frühsommer blüht und wächst und grünt, die Sonne scheint, der Wein schmeckt und das Essen sowieso. Die Straßen abseits des großen Rustaveli-Boulevards sind eher Gassen, trotzdem quetschen sich überdimensionierte SUVs durch. Die Häuser zeigen sich in prächtiger Schönheit verfallen oder direkt daneben ebenso prächtig renoviert. Zwei Schritte hinter dem Parlamentsgebäude hängt die Wäsche von den Holzbalkonen in den Hinterhöfen, glühen die traditionellen Ton-Öfen der winzigen Bäckereien und öffnet hier der showroom eines neuen Modelabels, dort ein Club, eine Bar, eine Galerie, ein Theater. Tbilissi ist so lebendig und cool wie Berlin nach der Wende, wenn das Wetter damals besser und die Leute ein bisschen lockerer gewesen wären.

Zum „Tag des Buches“ ist das Goethe-Institut mit seiner freundlichen Bibliothek und seinem ruhigen Café im wunderschönen Innenhof voll von wuselnden Kindern, ihren Eltern und Lehrer*innen. An den meisten Schulen wird Englisch gelehrt. Die wenigen, die auch Deutsch anbieten, nutzen die Gelegenheit und besuchen das vielfältige und niedrigschwellige Programm an diesem Tag. Nach einer Aufführung der Theater AG einer Schule, nach Papierschöpfen, Bilderbuch-Vorlesen und Schnupperkurs Deutsch, bauen wir unser Fundbüro auf.

Ungefähr siebzig Kinder schauen zu, wie Nika Kiknadze als August sich mit dem Chaos rumärgert und ich als Judy für Ordnung sorge. Wenn August die einfachen deutschen Sätze von Judy nicht versteht, rufen ihm einige Fortgeschrittene voller Begeisterung die Übersetzung zu. Natürlich haben sie Spaß daran, dass Judy das deutsche Wort „nass“ ganz praktisch mit einem Schwall Wasser erklärt oder August sich unversehens in einen rosa Rock gekleidet als Prinzessin in einen Kampf verwickelt sieht. Das Hin- und Her mit einem Schraubenzieher hat zur Folge, dass irgendwann alle im Saal sich trauen, dieses absurde deutsche Wort auch einmal in den Mund zu nehmen.

Nach der Auflösung aller Verwicklungen durch ein zu Füßen gelegtes Herz, ermuntern wir die Kinder, selbst Fundbüro zu spielen und mit den neuen Wörtern nach dem Schwert oder dem Schneebesen zu fragen. Zu ihrer eigenen Verwunderung entdecken die Kinder, dass Deutsch überhaupt nicht schwer, stattdessen aber ziemlich lustig ist: Guten Tag. Hier ist das Fundbüro. Suchen Sie einen …. Schraubenzieher – Schraubenzieher?!?! Und schon ist das Gelächter nicht mehr zu stoppen …

Eine zweite Lesung hatten wir in der neuen Universitätsbibliothek von Kutaissi, die eine Außenstelle des Goethe Instituts beherbergt. Die Fahrt dauert etwa drei Stunden, geht zum Teil durch die Berge und das ist erwähnenswert, weil es auf georgischen Straßen zwar durchgestrichene Linien, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Warnhinweise gibt, aber keine Autofahrer, die das in irgendeiner Weise auf sich beziehen. Egal, wir sind angekommen! Insgesamt etwa dreißig Kinder, Jugendliche, Lehrerinnen und Germanistik Studierende amüsierten sich auch hier mit August und Judy, georgisch und deutsch über Chaos, Ordnung und Liebe.

Und wenn die georgischen Kinder jetzt so schöne Wörter wie Schraubenzieher oder Ich-habe-mein-Herz-verloren kennen, was habe ich gelernt? Ganz einfach: Dalageba? Ara, ara …

Rike Reiniger, Juni 2019

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Aus der Schreibwerkstatt mit Tania Witte

SchreibwerkstattZum „Feuergriffel“-Aufenthalt gehören verschiedene Dinge: zum Beispiel Lesungen, Werkstattgespräche, Interviews und Schreibwerkstätten. Am 21. Mai 2019 fand im Feudenheim-Gymnasium eine solche Schreibwerkstatt mit Tania Witte statt. Die Autorin traf auf hochmotivierte Schülerinnen und Schüler, so dass beide Seiten sehr viel Spaß hatten und tolle Texte entstanden. Diese Texte werden im Rahmen der Abschlusslesung am 1. Juli 2019 als Ausstellung präsentiert. Für alle, die keine Zeit haben zu kommen, werden alle Texte auch hier auf dem Blog veröffentlicht.

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Neuigkeiten von Tobias Steinfeld

Tobias Steinfeld, Feuergriffel-Preisträger 2015, kommt mal wieder in die Region. Im Rahmen der Nibelungen-Festspiele in Worms bietet er eine Schreibwerkstatt an:
„Wer hat Lust, eine Zeitung zu kreieren? Beim Workshop der Nibelungen-Festspiele unter der Leitung des Autors Tobias Steinfeld ist das möglich. Vom 29. Juni bis 5. Juli können Jugendliche im Alter von 12 bis 20 Jahren mit eigenen Texten und Bildern die Festspiel-Zeitung „Nibelungen News“ gestalten.“

 

Und im August erscheint der zweite Jugendroman des Autors im Thienemann Verlag:Cover Thienemann Verlag
Hinreißend komischer und warmherziger Coming-of-Age-Roman ab 13 Jahren.

Abi, Lehre, Start-up – Zukunft geht klar! Für die meisten jedenfalls, die auch gleich ein paar nette Ideen für Alberts Zukunft anzubieten haben. Sein Vater rät zum Studium, seine Freundin will, dass er Maurer wird, das gibt Muskeln! Nur Albert selbst hat keinen Plan, was er nach der Schule machen soll. Seine Verzweiflung führt ihn in ein verrücktes Abenteuer, das mit einer Rudermaschine beginnt, ihn auf einen Schäferhof führt und mit Freunden fürs Leben endet. Und dazwischen? Schräge Außenseiter, ein Drohbrief, Wölfe, ein Kuss und jede Menge Schafe.

Vorgestellt wird das neue Buch im September auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin. Lesungen gibt es aber auch aus dem Feuergriffel-Buch. Das ganze Programm für Kinder und Jugendliche gibt es hier: http://www.literaturfestival.com/festival/kjl/2019
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Stadt schreiben

| von Tania Witte |

Hilft Träumen?

Gute Frage am Fenster des Community Art Centers.

Meine Zeit in Mannheim, meine Zeit im Turm neigt sich. Und ziemlich oft werde ich gefragt, was ich eigentlich so mache da oben und in der Stadt. Was „mein Job“ sei.

Also …

  • Mein Job ist es, zu schreiben. In allererster Linie. Das tu ich, an gleich zwei Büchern gleichzeitig.

Zum einen an dem Buch, für das mich die Jury ausgezeichnet und die Stadtbibliothek eingeladen hat. „Sonnenblick“ heißt mittlerweile „Marilu“ und kommt viel zu kurz. Denn, zum anderen, sitze ich an dem neuen Buch von Ella Blix, das ich zusammen mit der ehemaligen Feuergriffel-Preisträgerin Antje Wagner schreibe. Die Abgabefrist für das Buch ist Ende Juni und stand schon, bevor ich wusste, dass ich Feuergriffel werden würde.

Normalerweise ist eine Buchendspurtphase etwas sehr Einsames, in der ich niemanden treffe, niemanden anrufe und nur schreibe, schreibe, schreibe.

Diesmal nicht.

Denn diesmal bin ich in Mannheim.

Wo ich, weil das eben auch ein Teil des Jobs ist:

  • Lese.
    An Schulen und auf der Straße, alleine und zu zweit, laut – und auch leise, weil leise lesen für meinen Beruf ein Muss ist.
  • Workshops gebe.
  • Interviews gebe, dem Mannheimer Morgen, dem SWR2 und vielen Blogger*innen und Schüler*innen, die mir täglich schreiben.
  • Für „Marilu“ recerchiere. Unter anderem im ZI, das ist ein Geschenk.
  • Mich einen Tag lang von einem Fernsehteam des SWR begleiten lasse und Frage und Antwort zum Thema „Stadtschreiber*innen“ stehe.
  • Mit zwei sehr unterschiedlichen Mannheimer Schreibgruppen Werkstattgespräche führe.
  • Mit einer talentierten und liebenswerten Mannheimer Fotografin die Kunsthalle unsicher mache – für Pressefotos, unter anderem. Ja, das ist Arbeit!
  • Lesungen für die Zukunft plane. Inklusive der Akquise, inklusive der Reisen – im Moment bin ich mit meiner Planung im März/April 2020.
  • Meinen Verlag besuche, um über eine potentielle Veröffentlichung von „Marilu“ zu sprechen.
  • Für dieses Blog schreibe.
mural klein

Mein Lieblings-Mural von Stadt.Wand.Kunst. (Detail.)

  • Mit der charmanten Rezeptionistin des Orthopäden, den Inhabern des Berufsbekleidungsladens und Wildfremden an Straßenkreuzungen darüber rede, was eine Stadtschreiberin tut, wieso, wo, wie. Und warum es wichtig ist, dass es solche Ämter gibt. Was Mannheim dabei einzigartig macht. Am Ende sind viele überrascht und auch ein bisschen stolz, dass Mannheim das deutschlandweit einzige Stadtschreiber*innenamt für Kinder- und Jugendliteratur hat.
  • Bei einem Treffen mit einem US-amerikanischen Germanistik-Professor über eine auszugsweise Übersetzung eines meiner belletristischen Bücher spreche.
  • Viel Zeit in Zügen nach Köln, Karlsruhe, Pforzheim, Edenkoben, Rodalben, Bad Dürkheim, Grünstadt, Darmstadt, Würzburg verbringe – überwiegend beruflich. (Nicht nach Berlin, nicht nach Den Haag. Für Zuhause hab ich gerade keine Zeit.)
  • Mich in Mannheimer Buchhandlungen rumtreibe und dort ausgiebig Widmungen in Bücher schreibe – anonyme für zufällig vorbeischlendernde Menschen oder personalisierte Klassensätze für interessierte Schüler*innen.
  • Die Social Media bespiele.
  • Rechnungen schreibe, Buchhaltung mache, Umsatzsteuervoranmeldungen, naja.
  • „Romeo und Julia“ im Junges NTM (Schnawwl) ansehe, der Kollegin Sarah Kuttner in der Alten Feuerwache lausche und Bernadette La Hengst bei Kultur am Neckar am Neckarufer.
  • Die Stadt einatme. Den Wolken beim Ziehen zusehe.
  • Tollen, tollen Menschen begegne.
  • Meine Liebsten vermisse, manche von ihnen zu Besuch habe – und nie genug Zeit für niemanden.

So sieht das aus hier. Erwähnte ich, dass ich Bücher schreibe? 😉

Herrin der Lage

Nicht immer. Aber immer öfter.

 

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Fast vorbei!

Feuergriffel_Abschlussveranstaltung_Easy-Resize.comDas Stadtschreiber-Stipendium geht langsam leider zu Ende!

Am 1. Juli 2019 um 11 Uhr verabschiedet sich Tania Witte mit einer Lesung aus dem in Mannheim entstandenen Manuskript „Sonnenblick“ aus Mannheim.

Im Gespräch mit dem Leiter der Stadtbibliothek, Dr. Bernd Schmid-Ruhe, erzählt sie von ihrem Mannheim-Aufenthalt und ihren Erfahrungen.

Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist erforderlich an: stadtbibliothek.paedagogik@mannheim.de

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Monochrom in der Kunsthalle

| von Tania Witte |

Bei der Pressekonferenz im Januar versprachen mir die Mannheimer*innen für April Temperaturen um die 16 Grad, aufwärts. Schnell aufwärts. Jetzt, nach sechs Wochen und etwa beim Bergfest meines Aufenthaltes hier, bin ich immernoch froh über Mantel, Tee und Wärmflasche. Und irgendwie scheinen alle betreten, weil das ein so ungewöhnliches Jahr sei und Mannheim mir nicht das versprochenen Festwetter bietet.
Aber was soll’s? Statt am Neckarufer zu braten, entdecke ich Mannheim indoors. Kinos, Restaurants, und, vor wenigen Tagen, endlich auch die Kunsthalle Mannheim.

Kunsthalle Mannheim ©Tania Witte

Aufschauen. ©Tania Witte

Die hatte die Mannheimer Fotografin Carina Nitsche für ein Fotoshooting vorgeschlagen und da ich schon so viel über den An- und Umbau und die Architektur gelesen hatte und obendrein Kunst liebe, fiel der Vorschlag auf sehr fruchtbaren Boden. Wir bekamen tatsächlich und ganz unkompliziert eine Foto-Erlaubnis (Danke, Tanja Binder!) und während ich die Architektur feierte, machte Carina Nitsche wunderbar unaufgeregte und herrlich monochrome Fotos. Und die Sonne schien auch noch! Und die Moral, wenn es denn eine gibt: Ungewöhnliche Jahre bergen glücklicherweise viele, ungewöhnliche Möglichkeiten.

Tania_Witte©Carina_Nitsche Kunsthalle Mannheim7

Monochrom mit Sonne. ©Carina Nitsche

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Feuergriffel – Mein erster Monat

| von Tania Witte |

Fast auf den Tag genau einen Monat bin ich jetzt Feuergriffel und was soll ich sagen? Es ist wunderbar hier oben im Turm der Alten Feuerwache, als Teil der Stadt und doch irgendwie losgelöst. Zum Schreiben habe ich bisher weniger Zeit als erhofft, denn eine Stadt kennenzulernen dauert immer länger als erwartet. Außerdem lese ich (zu) viel, in der Onlineausleihe der Stadtbibliothek bin ich dank geliehenem eBook-Reader Dauergast.

Und sonst so?

An vorbeiziehende Störche auf Augenhöhe, Halsbandsittiche in den Bäumen an der Kurpfalzbrücke, eine gelegentliche Taube vor dem Fenster oder auch mal IN meiner Wohnung hab ich mich rasch gewöhnt – aber der Tag, an dem die Dachdecker mich beim Yoga überraschten, war speziell. Wir haben dann erst mal einen Kaffee miteinander getrunken. Von wegen Gastfreundschaft und so …

dachdecker klein

Kaffeepause in 30 Metern Höhe

Ein paar Tage später habe den Luxus einer dreistündigen Privatrundfahrt durch sämtliche Mannheimer Stadtteile genossen und bin dabei mit unschätzbaren Hintergrundinfos gefüttert worden (Danke, Bettina Harling!), habe die Stadt durchradelt und durchlaufen und mein Herz an den Luisenpark verloren.

Heimatgefühle im Luisenpark

Nicht nur der Tulpen wegen, die mich an meine zweite Heimat Den Haag erinnern und wegen des Fernmeldeturms, der Berlingefühle auslöste, sondern vor allem wegen der Tiere und der Ruhe. Als ich dann auch noch eine Stadtschreiberinnen-Jahreskarte bekommen habe, wusste ich: Alles wird gut. Ich brauche nämlich Natur, um den Alltag aus meinem Kopf zu vertreiben, und erst wenn der verschwunden ist, kann ich schreiben. Und dazu bin ich schließlich hier …

Luisenpark Ostern 2019

Fast wie zuhause: Berlin- und Den-Haag-Gefühle in Mannheim.

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Erster Lesekontakt neuem „Feuergriffel“

(c) Heike Warlich-Zink

(c) Heike Warlich-Zink

Die „Feuergriffel“-Preisträgerin 2019 Tania Witte ist in der Quadratestadt angekommen und hat sich am vergangenen Sonntag im Turmzimmer in der Alten Feuerwache häuslich eingerichtet. Dort wird sie die nächsten drei Monate ihre Buchidee mit dem Arbeitstitel „Sonnenblick“ weiter ausarbeiten. Bei ihrer Antrittslesung im Dalberghaus am Dienstagabend konnten die Zuhörer die Autorin und deren Schreibstil persönlich kennenlernen. Die Stadtschreiberin las aus ihrem gerade veröffentlichten Jugendroman „Die Stille zwischen den Sekunden“.

Ähnlich wie beim „Feuergriffel“-Expose spielt auch dort ein weiblicher Teenager die Hauptrolle. Mara, gerade 16 Jahre alt, die nur knapp einem Bombenanschlag in der U-Bahn entgangen ist. Ihre Mitschüler nennen sie „Das Mädchen, das überlebt hat“ und erwarten Betroffenheit von ihr. Aber Mara hat ganz andere Sorgen. Ihre Freundin Sirîn meldet sich immer seltener und scheint plötzlich komplett unerreichbar. Je mehr Mara ihr zu helfen versucht, desto mehr Unverständnis und Ablehnung erntet sie. Was verheimlichen alle vor ihr? Erst als sich ihr Schwarm Chriso in die Suche einschaltet, kommt die erschütternde Wahrheit ans Licht…

„Zu viel verraten darf ich nicht“, so die Autorin über ihren Thriller. Doch ähnlich spannend soll auch das „Feuergriffel“-Buch werden. Im Mittelpunkt steht Ixi, eine 15-Jährige mit Psychiatrievergangenheit aufgrund eines Burnouts. Aber es soll kein „Problembuch“ oder gar Ratgeber für Betroffene werden. Vielmehr will die Autorin das Thema psychischer Probleme bei Jugendlichen in einen Krimi einbetten, um das schwierige Thema an die junge Zielgruppe der Leser zu transportieren.

Von Bettina Harling, Leiterin Bibliothekspädagogik der Stadtbibliothek Mannheim, nach ihrer Herangehens- und Arbeitsweise gefragt, antwortete die Stadtschreiberin, dass die Ideen zu ihren Büchern aus dem Alltag kommen. „Eigentlich finden sie mich, indem ich meine Umwelt wahrnehme, hinhöre und hinschaue. Und man hört ja durchaus viel, beispielsweise wenn man im Zug sitzt und laut übers Smartphone kommuniziert wird“, erzählt die neue Stadtschreiberin schmunzelnd.

Drei bis vier Stunden können sie konzentriert am Stück schreiben. Meistens ab er Mittagszeit bis in den Nachmittag hinein. Das habe sich als die für selbst effektivste Arbeitsweise herausgestellt. Der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Antje Wagner, Feuergriffel-Preisträgerin 2009 und eher eine „Nachtarbeiterin“, habe dies jedoch keinen Abbruch getan. Zusammen haben die beiden unter dem Pseudonym „Ella Blix“ den Jugendroman „Der Schein“ geschrieben. Am zweiten Buch gemeinsamen Buch arbeitet Tania Witte gerade parallel zu ihrem „Feuergriffel“-Stipendium.

Inspiration durch die Stadt
Bettina Harling wünschte der Autorin dazu entsprechende Inspirationen durch die Stadt selbst, insbesondere durch die Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen. „Eine gute Gelegenheit auch, um zu testen, ob Buchidee und Text mit der Zielgruppe funktionieren“, erklärte Harling, die in Vertretung von Bürgermeisterin Dr. Ulrike Freundlieb die neue Feuergriffel-Trägerin zur Antrittslesung willkommen hieß. Laut Harling ziele das alle zwei Jahre ausgelobte Stipendium neben der Förderung der Kinder- und Jugendliteratur zugleich darauf ab, junge Menschen über Lesungen oder Schreibwerkstätten in kreativen Kontakt mit Autoren zu bringen, zu erfahren, wie ein Buch entsteht und die Neugier und Lust auf Lesen zu wecken.

Bei der Abschlusslesung am 1. Juli in der Alten Feuerwache wird Tania Witte dann erstmals auch Passagen aus ihrem neuen, in Mannheim entstandenen „Feuergriffel“-Buch lesen.

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HERKUNFT – neues Buch von Saša Stanišić

Am 18. März 2019 erscheint das neue Buch unseres „Feuergriffel“-Preisträgers 2013 – Saša Stanišić.  Die Buchpremiere findet am 17.3. im Thalia Theater Hamburg statt (Es gibt noch Karten) und die Lesereise wird lang (Hier finden Sie die ersten Termine).

HerkunftWas ist das für ein Buch? HERKUNFT handelt davon, wie das ist, in Višegrad mit einer Schlange zu tanzen, in Heidelberg mit einem Kayak ins Schwimmbad zu gehen, in Oskoruša auf Drachen zu reiten. 

HERKUNFT ist ein Buch über den Urgroßvater, der Flößer war und nicht schwimmen konnte. 

HERKUNFT ist ein Buch über die Urgroßmutter, die singen konnte wie eine Sirene.

Die Toten sprechen in HERKUNFT (haben aber nicht viel zu sagen), und die Lebenden vergessen (sie hätten viel zu erzählen). Der Autor jagt ihren Erinnerungen nach.

HERKUNFT ist auch ein Buch über  die Frage: Bin das ich?

Es kommen viele unwahrscheinliche Dinge vor: ein nicht korrupter bosnischer Polizist, eine Ziege im All, ein Mann vom Balkan, der Rentnern von seinem dem Balkon aus Eichendorff vorliest mit nacktem Oberkörper – und ein empathischer Mitarbeiter der Ausländerbehörde. 

Und dann sind da noch: Roter Stern Belgrad und der HSV (es ist also auch ein tragisches Buch), der Nachname auf Grabsteinen, Grenzzäune, das Prekäre und die Scham, das Schreiben und der Stolz. Es ist ein Buch über die Angst vor den Wörtern und den Tätern, und auch ein Buch über Zufall und Glück. 

Es hat zwei Jahre gedauert, es zu finden und erfinden und es loszulassen.

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