Aus der Schreibwerkstatt mit Tania Witte – Teil 7

Meine Handgelenke tun weh. So, wie wenn man bei einem Schulausflug Stunde um Stunde mit einem schweren Rucksack herumläuft, es heiß ist und die Träger so richtig schön scheuern. Nur an den Handgelenken und in etwa zehnmal so schlimm. Und es ist nicht heiß, sondern kalt. Schweinekalt. Obwohl es Sommer ist, glaube ich zumindest. Probeweise ballte ich meine Hände zu Fäusten. Irgendwie tat das weh, außerdem habe ich dabei gemerkt, dass meine Finger die Temperatur von Eis angenommen haben. Ihr kennt doch sicher diese Wasserei-Tütchen, diese billigen Bunten, bei den alle entweder Cola- oder Kirschgeschmack wollen? Ich bin sicher, dass meine Finger exakt so wie die blauen (die echt cool sind, aber nicht schmecken) aussehen. So richtig viel kann ich dazu aber leider nicht sagen, denn ich sehe nichts. Nada. Liegt es an meinen Augen? Ich blinzelte und schielte in alle Richtungen, nichts. Langsam bekomme ich Angst. Bisher war ich eher belustig, dass man irgendwo aufwacht und nicht genau weiß, wo man ist kann mal vorkommen, je nach dem was oder wie viel man davor genommen hat. Meistens trottelt man dann die Treppe runter, trifft mit etwas Glück nicht die Eltern des Hauses an und begibt sich dann in Richtung Zuhause, was mal schneller und mal weniger schnell passieren kann. Allerdings konnte ich bisher immer etwas sehen, auch wenn es nur zornige Eltern waren. Verdammt. Ist es einfach nur dunkel oder ist Blindheit eine nette Nebenwirkung von dem Zeig gestern? Mein Herz schlägt schneller und mein Puls steigt. Davor muss er wohl sehr gering gewesen sein, denn auf einmal spüre ich meine Füße wieder. Doch nicht nur meine Beine signalisieren mir, dass sie leben, auch ein Handy klingelt. Es ist nicht meines, unbekannter Klingelton. Aber zumindest sehe ich das Display aufleuchten.

 

Sie klappte den Laptop zu, das Schnappen des klapprigen Teils klang fast schon ärgerlich. Seufzend griff sie nach ihrem Handy. Mindestens genauso klapprig wie der Rechner, aber immerhin aus diesem Jahrzehnt. Und mit einer guten Auswahl an Klingeltönen, größtenteils Hits von 2000 bis 2010. Sie hatte sich für „Tik Tok“ entschieden, es erinnerte sie an einen Ausflug in ein Spaßbad mit ihrer Familie, ihrem kleinen Bruder. Damals, als alles noch gut war, oder zumindest das, was die meisten Leute „gut“ genannt hätten. „Hallo, wie kann ich Ihnen dienen, hier spricht Candy“, säuselte sie. „Mensch, ich will dich nicht buchen, verdammt. Du hast noch drei Tage!“. Sie seufzte wieder. Eigentlich sollte sie das aus der Ruhe bringen, doch irgendwie hatte sie sich daran gewöhnt, Aufgaben zu meistern, egal ob sie es schaffte oder nicht. Genauso hatte sie sich an den roten Plüsch, die drückende Wärme und das stets gedimmte Licht gewöhnt. Oder an den Flokatiteppich, ein schwarzes Modell. Bisher hatte sie nur weiße Flokatiteppiche gekannt, aber in schwarz passte er einfach besser ins Zimmer. Sie hatte eine mehr- oder weniger gesunde Gleichgültigkeit entwickelt.  Alles war in rot und schwarz gehalten, Lichterkette, Decken, Kissen, Schminktisch. Ihr Reich, ihr Arbeitsplatz, ihr Schicksal.

Nur das Terrarium mit den Regenwürmern passte nicht. Lange, fette Prachtexemplare, die schönsten ihrer Art, fand sie. Sie fraßen sich durch die Komposterde, deren erdiger Geruch sogar den der Duftkerzen („Black Cherry“, Yankee-Candle, das Ding hatte ein Vermögen gekostet) verdrängte. In drei Tagen würden die Würmer unmöglich genügend produziert haben! Das war doch absurd, sie brauchten mindestens zwei Wochen bis man sie entsaften konnte, wie er es nannte. Es war grausam, vor allem, wenn diese Würmer monatelang deine einzige Gesellschaft, mal abgesehen von lüsternen Hinterwäldlern, sind. Doch das Zeug, das man gewann, betäubte die Sinne und befreite von Alltag und Verantwortung und von allem, was Leben sonst noch zu bieten hatte. Wie sie am jungen Mann auf der Aufnahme gesehen hatte machte es sofort abhängig. Doch was tat man nicht alles, um wenigstens etwas Sorglosigkeit zu erleben, wenn einem die Kindheit zu früh genommen wurde?

Ellen

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